Nils Büttner, Christoph Wagner (Hrsg.)

Journal für Kunstgeschichte – Jahrgang 2015 Heft 4

Heft 4 von 2015

Vorwort der Herausgeber Kunstgeschichte in Zeiten der Krise? Nach langen Debatten scheint es im Fach weitgehend zum Konsens geworden, dass von einer Krise der Kunstgeschichte keine Rede sein kann: Die breite transdisziplinäre Vernetzung und Akzeptanz kunsthistorischer Forschungsperspektiven unter den Vorzeichen bildwissenschaftlicher Erweiterungen quer durch die benachbarten Geistes-, Kultur- und Medienwissenschaften könnte davon ebenso sehr beredtes Zeugnis ablegen wie die weiter anwachsenden Studierendenzahlen, die das Interesse junger Menschen an der Kunstgeschichte belegen. Selbst die diskursiven Bemühungen um die Proklamation eines Endes der Kunstgeschichte, ihrer Krise oder die jeweiligen Beweise des Gegenteils bezeugen inzwischen die krisenfeste Lebendigkeit der Disziplin. Allerdings müssen sich Kunsthistoriker und Kunsthistorikerinnen gegenwärtig fragen und fragen lassen, wie sie zu dem stehen, was mit dem Medienschlagwort ‚Flüchtlingskrise‘ nur unzureichend beschrieben ist. Dass die Situation krisenhaft ist, kann jeder erleben, der an den Grenzen und Bahnhöfen der Republik in [...]

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1. Auflage (2015), 17 x 24 cm, Broschur klebegebunden,

Erscheinungstermin: 23. November 2015
Artikelnummer: 51514 Kategorie:

Vorwort der Herausgeber Kunstgeschichte in Zeiten der Krise? Nach langen Debatten scheint es im Fach weitgehend zum Konsens geworden, dass von einer Krise der Kunstgeschichte keine Rede sein kann: Die breite transdisziplinäre Vernetzung und Akzeptanz kunsthistorischer Forschungsperspektiven unter den Vorzeichen bildwissenschaftlicher Erweiterungen quer durch die benachbarten Geistes-, Kultur- und Medienwissenschaften könnte davon ebenso sehr beredtes Zeugnis ablegen wie die weiter anwachsenden Studierendenzahlen, die das Interesse junger Menschen an der Kunstgeschichte belegen. Selbst die diskursiven Bemühungen um die Proklamation eines Endes der Kunstgeschichte, ihrer Krise oder die jeweiligen Beweise des Gegenteils bezeugen inzwischen die krisenfeste Lebendigkeit der Disziplin. Allerdings müssen sich Kunsthistoriker und Kunsthistorikerinnen gegenwärtig fragen und fragen lassen, wie sie zu dem stehen, was mit dem Medienschlagwort ‚Flüchtlingskrise‘ nur unzureichend beschrieben ist. Dass die Situation krisenhaft ist, kann jeder erleben, der an den Grenzen und Bahnhöfen der Republik in die Gesichter frierender Menschen schaut. Wo steht die Kunstgeschichte in Zeiten der Krise? Wie wird politische Verantwortung, soziales Engagement oder existentielles Ethos nicht nur rhetorisch artikuliert, sondern lebenspraktisch realisiert? Was heißt es, wenn ein städtischer Museumskurator und Kunstwissenschaftler seine Arbeitszeit um 50% reduziert, um Flüchtlinge in der Stadt zu betreuen? Was können Bilder, Kunstwerke und künstlerische Aktivitäten zur Frage kultureller Identität und zur interkulturellen Verständigung beitragen? Die Frage nach dem Verhältnis der Kunst- und Geisteswissenschaften zur Welt ist alt, der Kunst selbst ist der existentielle Bezug zum Leben ohnehin vielfach eingeschrieben. Man mag sich bei ihrer Beantwortung aber auch zum Beispiel an Michel de Montaigne erinnern. Er sah in jeder geistigen Beschäftigung eine Form der ethischen Selbstverpflichtung und ätzte gegen jene, die das nicht als Verpflichtung erkannten: „Diesen hier, den du mit keuchender Brust, triefenden Augen, ungewaschen und ungekämmt nach Mitternacht aus seiner Bücherkammer hervorschleichen siehst, von dem denkst du wohl, er forsche in den Büchern, wie er immer mehr und mehr ein rechtschaffener Mann, zufriedener und weiser werden könne? Nichts von alledem! Er will, und sollt‘s ihm auch das Leben kosten, die Nachwelt das Silbenmaß des plautinischen Verses lehren und die wahre Lesart eines lateinischen Wortes herstellen.“ Man würde Montaigne missverstehen, wollte man darin eine Invektive gegen weltabgewandte, ja weltfremde philologische Präzision entdecken. Die Bedeutung der richtigen Lesart eines lateinischen Verses stand für ihn außer Frage. Genauso aber die Notwendigkeit, alles Forschen auch im Rückbezug auf das zu betreiben, was Hum- boldt später als individuelle Perfektibilität beschrieb. Die Verse des Plautus sind ein unverzichtbarer Teil jenes kulturellen Erbes, das zur Formung jener europäischen Identität beigetragen hat, zu der es auch gehört, sich selbst stets in Frage zu stellen. Man kann gegenwärtiges Denken aus den Traditionen kultureller Verständigung heraus befragen und wird feststellen, wie stark das kollektive Gedächtnis der Gegenwart auch an jenen Monumenten hängt, die der materielle Kern kunsthistorischer Diskurse sind. Auf ihre Bedeutung zu insistieren ist gerade in Zeiten gesellschaftlichen Wandels unerlässlich. Das bedingt notwendig auch die kritische Auseinandersetzung mit dem Fach und seinen Gegenständen, deren gesellschaftliche Relevanz im Zeitalter der Globalisierung stets neu auszuhandeln ist. Die Stichworte ‚Weltkunst‘, interkulturelle Transferbewegungen, transnationale Rezeptionsprozesse sind dabei nur einige von vielen, die aufzeigen können, wie sehr die Kunstgeschichte, die es Ernst mit ihrem universellen und internationalen Charakter meint, diese Lebenswelten zu erschließen vermag. Die methodische Diskussion um die richtigen Wege hierzu gewinnt an solchen lebensweltlichen Fragen neue Fahrt. – Das Journal für Kunstgeschichte und seine Autoren leisten hierzu ihren Beitrag, egal ob nach den notwendigen fachlichen Standards einer neuen Biographie des Malers Pieter Bruegels d. Ä. gefragt wird, nach Marktmechanismen in Antwerpen im 17. Jahrhundert oder nach dem spätgotischen Architekten Madern Gerthener, dessen Werke bis heute in Frankfurt sichtbar sind. Ob man Francesco Colonnas Hypnerotomachia Poliphili übersetzen kann, ist ebenso zu diskutieren wie die methodischen Standards der Vorakademischen Filmwissenschaft in Deutschland oder neue Forschungsergebnisse zu den Goldschmiedearbeiten am Dreikönigenschrein. Neben der Düsseldorfer Malerschule rücken die Arbeiten von Perino del Vaga und Michele Lucchese im Kapitolspalast von Paolo III. oder Hans Memlings Passionserzählungen in neuer Form den Blick. Man kann lernen, wie stark der Handel und die Globalisierung schon die Vormoderne prägten oder die Folgen des Wachstums in Fernost in der Visualisierung hochverdichteter Megastädte als Architecture of Density im Dunst nachvollziehen. So ist es keine Frage, dass es auch in Zeiten der Krise eine kritische Kunstgeschichte braucht. Auch dieses Mal möchten wir unsere Leser einladen, selbst kritisch die Stimme zu erheben und sich mit Neuerscheinungen auseinanderzusetzen. Gerade weil wir als Herausgeber den Blick gerne auf interessante Neuerscheinungen aus unseren Interessengebieten zu lenken, sind uns Rezensionsvorschläge aus anderen Bereichen stets herzlich willkommen, besonders wenn sie unseren Wahrnehmungshorizont zu erweitern vermögen. Lob und Tadel im Blick auf neue Bücher sind ebenso erwünscht. Wie stets gilt an dieser Stelle unser Dank den Autorinnen und Autoren, deren Arbeit sich die Qualität des Journals verdankt. Dank gilt auch dieses Mal wieder den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Regensburg und Stuttgart, die unsere editorische Arbeit redaktionell unterstützt haben, Frau Anne Wiegand (Lektorat) und Frau Katharina Frank (Organisation) sowie für die redaktionelle Betreuung der fremdsprachigen Beiträge auch Barbara Muhr und Theresa Häusl.

Nils Büttner, Christoph Wagner (Hrsg.)

Sprache: Deutsch
Auflage: 1 (2015)
Medium: Heft
Einbandart: Broschur klebegebunden
Format: 17 x 24 cm
Gewicht: 281 g
Erscheinungsdatum: 23. November 2015
Verlag: Schnell & Steiner
Cover: Cover download

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