„The Textile Relics in Sant’Ambrogio“: Ergebnisse eines interdisziplinären Forschungsprojekts
In der Sala San Satiro der Basilika Sant’Ambrogio in Mailand wurde heute das Buch „The Textile Relics in Sant’Ambrogio, Milan“ vorgestellt.
Der Band präsentiert die Ergebnisse eines umfassenden Restaurierungs- und Forschungsprojekts. Es geht um die materielle Geschichte der Dalmatik, aber auch um die Verehrungspraxis und die kulturelle Bedeutung dieser Reliquie über die Jahrhunderte hinweg.
Sechzehn Forschende aus Archäologie, Kunstgeschichte, Kirchengeschichte, Islamwissenschaft, Chemie und 3D-Laserscanningtechnologie haben ihre Expertise eingebracht.
Bei der Präsentation sprachen Anastasia Ozoline, Restauratorin des Textilerbes, Fabrizio Slavazzi, Professor für Klassische Archäologie an der Universität Mailand, sowie die Herausgeberinnen des Bandes, Sabine Schrenk und Ulrike Reichert.
Die Dalmatik des heiligen Ambrosius
Von Gewändern aus vergangenen Zeiten geht eine besondere Faszination aus, vielleicht weil sie anders als andere Objekte enger mit Menschen verbunden sind, die sich in ihnen bewegen und agieren. Ein Ausnahmeobjekt in jeder Hinsicht stellt die spätrömische Dalmatika in S. Ambrogio in Mailand da. Sie besteht aus Seidengarn, das in China hergestellt wurde; das Gewand wurde in einer Metropole des Westens gewebt und mit Jagdszenen geschmückt.
Das Stück ist leider nur in Fragmenten erhalten, lässt sich aber rekonstruieren: Es war so lang, dass die Ärmel 35 cm über den Fingerspitzen endeten: Der Träger musste sich also mit horizontal gehaltenen Armen bewegen. Die Rekonstruktion zeigt, welche Eleganz, Glamour und Autorität das Gewand seinem Träger verlieh.
Die Dalmatika kann nicht genauer als 4. –6. Jahrhundert datiert werden, weil für eine Analyse kein Stoff verbraucht werden soll. Auf das Gewand wurden zwei Kreuze aufgenäht, deren Faden mit 14C untersucht wurde und eine Entstehung zwischen 418 und 540 ergab. Die Kreuze weisen darauf hin, dass dieses Gewand verehrt wurde, geben zugleich einen terminus ante quem für die Entstehung des Gewandes selbst und machen deutlich, dass es sich seit der Spätantike in S. Ambrogio befindet.
Ob es Ambrosius gehört hat oder seinem Vater, der Senator war, lässt sich nicht sagen: Da Jagdszenen zu den beliebtesten Bildthemen gehören und nicht zuletzt auf Kirchenfußböden dargestellt werden, ist das Tragen eines solchen Gewandes durch einen Bischof durchaus denkbar. Die Geschichte dieses Gewandes bis heute und auch der anderen mit ihm überlieferten Textilien kann in diesem Buch nachgelesen werden.
Das Buch ist in englischer Sprache erschienen und im Buchhandel oder direkt über unsere Webseite erhältlich.